Auf Augenhöhe – Birgit Cauers Kollaborationen mit Kalkstein

Während der gesamten documenta fifteen ist in der Kasseler Karlskirche die vom Ev. Forum organisierte und kuratierte Kunstreihe „What matters“ zu sehen gewesen. Der Titel ist doppeldeutig, meint übersetzt Sinnhaftigkeit, Bedeutung, aber auch Form und Material. Im Rahmen der Ausstellungsreihe verwandelten vom 10.-18. Juli die Installationen der in Berlin lebenden und in ihrem Atelier im Neuen Atelierhaus Panzerhalle in Potsdam /Groß Glienicke arbeitenden Bildhauerin Birgit Cauer den Kirchraum:

Große durchlöcherte Steinblöcke auf Holzpodesten in verschiedenen Größen und Farben,
vereinzelt Spuren von Korrosion, einige Steine verbunden mit blauen, von der Kirchendecke herabhängenden Infusionen. – Dies nahm ich wahr, als ich das erste Mal an einem Mittwochnachmittag die Karlskirche betrat.

Mir kamen zunächst Assoziationen von Krankenhaus, Heilung, Käse, Höhlen und Grotten in den Tiefen der Ozeane. – Deutungen von mir, angeregt durch den Dialog mit den Steinen. Die Atmosphäre der Karlskirche wirkte auf mich ruhig, fast meditativ und harmonisch. Dies mag mitunter auf die zart-erdigen Farben und auf die quaderförmigen Grundformen trotz Löcher und auf deren Verortung im Kirchraum, der fast einem White-Cube ähnelt, zurückzuführen sein.

In Gesprächen mit Birgit Cauer erfuhr ich, dass es falsch gedacht wäre, ginge man davon aus, dass der Stein – wie es die Infusionen zunächst einmal vermuten lassen – geheilt werde. Vielmehr heile der Stein sie, indem er dazu beitrage, dass auch sie sich in intensiver Auseinandersetzung mit dem Material als Teil der Natur begreife. Das Material, meist Kalkstein, arbeite selbst. Der Stein gebe bereits eine bestimmte Form vor und ziehe sie – quasi als beteiligtes Subjekt – in den Schaffensprozess mit hinein.

Portrait BC, Foto Wilhelm den Hartigh

Dabei betrachte sie den Stein ganz auf Augenhöhe, denn auch nichtmenschliche Akteur*innen verdienen Beachtung in ihrem Arbeitsprozess. „Wir bedingen uns gegenseitig.“ – so Birgit Cauer. Wie der Kalk sie während des künstlerischen Prozesses herausfordert, so fordert sie gleichsam den Stein heraus, sein Wesen zu offenbaren. Dabei verhält sich der Stein oft eigenwillig und widerspenstig. Manchmal bricht er. Alles, was geschieht, erachtet Birgit Cauer als wertvoll im Prozess der Formfindung. Sie pflege einen Umgang mit der Schöpfung der nicht davon geprägt ist, sich die Natur untertan zu machen, sondern vom Grundsatz, sorgsam mit ihr umzugehen, in eine achtsame und wertschätzende Interaktion zu treten. Es sei der Künstlerin dabei wichtig, den Gegenstand wirken zu lassen und in seinem Eigenwert zu erfahren und erfahrbar zu machen. Dazu vertritt sie einen forschenden Ansatz, experimentiert mit Reaktionen von Säuren und Salzen auf Kalksteinen bestehend aus einer Verbindung von Kohlenstoff, Calcium und Sauerstoff. Dementsprechend hat die Kombination von Kupfersulfat und Salzsäure giftig gelbgrüne Spuren auf einem hellen Travertin oder Kupfersulfat in Verbindung mit einer verzinkten Schraube auf Marmor blaue, ins Rostige übergehende Vertiefungen hinterlassen. Aber auch Löcher entstehen im Stein durch das kontinuierliche Beträufeln mit Säure.

Neben den durch Säure behandelten Steinen, finden sich auch Skulpturen in der Ausstellung, die von Birgit Cauer rein bildhauerisch mit der Hand bearbeitet worden sind, die sogenannten „Brutkästen“. Hier geht die Künstlerin bewusst an die Grenzen der handwerklichen Bearbeitbarkeit des Materials und lässt den Kalkstein dort brechen, wo und wie er es von sich aus vorgibt. – Den Namen „Brutkasten“ verstehe ich mehrdeutig – als Skulptur, die zum einen prozesshaft ausgebrütet werden muss, zum anderen bietet ihre löchrige Struktur einen Schutzraum zur Entfaltung von Mikroben und anderen Lebensformen.

Auf meine Frage, in welchem Verhältnis sie ihr Werk zur documenta 15 sehe, antwortete Birgit Cauer mir, dass es sich gut in das documenta-Konzept einordnen lasse, da es ihr um einen gemeinsamen Prozess von Natur und Mensch gehe – um einen Prozess, der auf Nachhaltigkeit, auf Achtung und Respekt gründet.

Birgit Cauers Kunstwerk zum Thema „What matters“ kann als eine fortgeführte und sich selbst fortführende Schöpfung in der Karlskirche betrachtet werden. Die Steine lenken die Blicke der Betrachter*innen in ihr durchlöchertes Inneres und ermöglichen neue Einsichten. Sie laden zu einer Entdeckungsreise ein und erinnern daran, die Welt in ihrer Schönheit zu erkunden, zu achten und zu bewahren. Ebendarin liegt der Sinn des Kalksteins. – So verstehe ich Birgit Cauers Antwort auf die Frage „What matters?“.

Der Artikel ist auf Grundlage meiner Eindrücke während des Besuchs der Ausstellung in der Karlskirche entstanden. Inspiriert wurde er darüber hinaus vom Künstlerin-Gespräch, das Dr. Markus Zink am 15. Juli mit Birgit Cauer in der Karlskirche führte. Daran schlossen eigene Gespräche mit der Bildhauerin an. Für differenzierte Einblicke in ihr Werk sowie für das Nutzungsrecht der Fotografien sei ihr herzlich gedankt.

Christina Bickel