Fragmentierte Erinnerungen an vergangene Musik

l: Installation view of The Concert by Latifa Echakhch, Swiss Pavilion at the 59th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia, 2022. Courtesy the artist. Photo: Samuele Cherubini

r: Ins Installation view of The Concert by Latifa Echakhch, Swiss Pavilion at the 59th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia, 2022. Courtesy the artist. Photo: Samuele Cherubini

Vom 23. April bis 27. November 2022 hat die Bildhauerin Latifa Echakhch den Schweizer Pavillon auf der 59. Kunstbiennale in eine Traumwelt verwandelt, die in unserem Körper nachhallen und Gefühle wie ein Konzert erzeugen soll.

Echakhchs Kunstwerk The Concert reiht sich gut in das Gesamtkonzept der diesjährigen Venedig-Biennale The Milk of Dreams, kuratiert von Cecilia Alemani, ein. Alemani nimmt mit dem Titel The Milk of Dreams Bezug auf das surrealistische Kinderbuch von Leonora Carrington, in dem ein Kinderkopf aus dem Fenster fliegt, ein Sofa Münder bekommt und eine große Freundschaft zwischen Schönling und Krokodil entsteht. – Im Falle des Schweizer Pavillons wird der*die Besucher*in phantasievolle Welten seines*ihres eigenen Körpers, ins eigene Ich entführt, dahin, wo nach dem Schlussakkord eines berauschenden Konzertes ehemals absolutes Musikerleben in Form von postkonzertanten Erinnerungen und Gefühlen langsam wieder auflebt und abflacht.

Die 1974 in Marokko geborene, im Kanton Wallis lebende und 2015 mit dem Zürcher Kunstpreis ausgezeichnete Latifa Echakhch ist in der internationalen Kunstszene keine Unbekannte: 2007 gelang ihr der Durchbruch mit ihrer ersten musealen Einzelausstellung A chaque stencil une révolution im Le Magasin in Grenoble. Es folgten Einzelausstellungen in renommierten Museen, darunter die Tate Modern in London, das Centre Pompidou in Paris und bedeutenden Kunstausstellungen, darunter die 54. Venedig-Biennale und die Manifesta 7. Auch frühere Werke Echakhchs zeichnen sich dadurch aus, dass sie in beeindruckender Weise Stimmungen transportieren und dynamische Übergänge bezeichnen – ob ein wie ein Vorhang von der Decke herabfallendes Himmelszelt oder überdimensionierte folkloristisch bemalte Puppen wie für Prozessionen im Raum.

Kuratiert wurde Echakhchs Arbeit von Francesco Stocchi und dem Musiker, Komponisten und Perkussionisten Alexandre Babel aus Genf. Mit Babel erarbeitete Echakch ein minimalistisches Geräuschkonzept sowie ein Konzept für die Lichtinstallationen gemeinsam mit der finnischen Lichtdesignerin Anne Weckström.

The Concert ist eine Arbeit, die aus raumgreifenden Holz- und Lichtinstallationen besteht und das vom Spiel mit Licht und Schatten, vom Spiel mit Ganzheit und Fragment lebt und dabei poetisch und gewalttätig zugleich wirkt.

Szenographisch ist The Concert wie eine Zeitreise in einem Parcours durch das Gebäude angelegt. Der Weg führt zeitlich rückwärts vom lichten Tag hin zum Abend davor und enthebt gleichsam den*die Besucher*in aus der realen Zeit. Er beginnt gegen den Uhrzeigersinn am Eingang im Innenhof, in dem völlig verbrannte Bodenskulpturen auf einer Ascheschicht eine apokalyptische Atmosphäre verbreiten. Verstärkt wird die Untergangsstimmung durch einen leichten Brandgeruch. Dieser verstärkt  das Gefühl des Überganges, der Momenthaftigkeit und vergänglichen Schönheit. Auf dem Weg ins Innere rufen die vom Feuer verzehrten Körperteile Assoziationen an rituelle Feiern hervor, bei denen traditionell eine Strohpuppe verbrannt wird – ob Sylter Biikebrennen oder Zürcher Sächseläuten mit Verbrennen des Bööggs. Je näher der*die Besucher*in in das Innere des Pavillons vordringt, desto heiler und vollkommener werden die unbemalten Holzskulpturen.

Riesige Köpfe und Hände, rustikal und puppenhaft, wenn auch zugleich schemenhaft und vage in ihrer Ästhetik, korrespondieren mit nebulösen Eindrücken des Musikerleben, welche geblieben sind. Die Figuren bestehen aus upcycelten Sperrholz von früheren Biennalen und werden durch dünne Metallklammern behelfsmäßig zusammengehalten. Second-Hand-Erinnerungen an vergangenen Musikgenuss drücken sich im wiederverwandten Material aus.

Im Pavillon erzeugen orangefarbene Folien an den Fenstern – quasi als künstliche Morgenröte – eine diffuse Stimmung zwischen Tag und Nacht. Der*die Besucher*in hat den Eindruck, sich in einer Art Höhle zu befinden. Kies als minimalistische Klanginstallation, knirscht unter den Schuhsohlen und vermittelt dem*der Besucher*in das Gefühl, körperlich Raum und Zeit zu durchschreiten. Fragmentierende Blitze erhellen in Sekundenschnelle den Raum. Die riesigen Körper, Hände und Köpfe sind bruchteil- und schemenhaft zu erkennen. Gleichsam werden in konzertant-harmonischem Rhythmus Lichtquadrate auf „heile Figuren“ projiziert, wodurch sie sich langsam zu erkennen geben.

Eckakch gelingt es mit ihrem Kunstwerk das Besondere der Musikerfahrung zu erschließen, indem sie den Nachhall dieser Erfahrung in einer poetisch-vergänglichen Traumwelt künstlerisch inszeniert, wodurch sie beim Besucher*in gleichsam in Glück und Traurigkeit evoziert. Sie lädt mit The Concert zum Transzendenzerleben ein, dazu, der Ewigkeit ein Stück gewahr zu werden. Ihre Verwandlung des Erlebens eines symphonischen Konzertes in ein skulptural visuelles Werk bewahrt und verdichtet vergangenes Erleben, macht es erneut erlebbar und gibt neue Einblicke in das Musikerleben an sich.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass zu Echakhs Ausgestaltung des Schweizer Pavillon noch ein Katalog mit philosophisch-literarische Reflexionen in Form von Autor*inneninterviews erscheinen wird, die mitunter auch auf ihre zahlreichen Fragen, die ihr selbst in Hinblick auf ihre Installationen gekommen sind, Antworten zu geben versuchen.

Christina Bickel