Einsatz für die Kunst. Ein Interview mit Pastor Bernd Schwarze über seine innovative Kulturkirchenarbeit in St. Petri

Von der Unruhe mit Jonathan Meese bis zu Konzerten und Performances internationaler Gegenwartskunst — in St. Petri in Lübeck finden künstlerische Experimente statt. Im Gespräch berichtet Dr. Bernd Schwarze über seine erinnerungswürdigsten Projekte, seine erste Morddrohung aufgrund provokanter Kunst und seine neuen Ideen.

Auf der Suche nach innovativen Gottesdienst- und Andachtsformaten mit Künstler:innen und Musiker:innen, ist unsere Redaktion durch einen Onlineartikel der „Lübecker Nachrichten“ auf die Ausstellungen und vielfältige Kulturarbeit an St. Petri aufgefallen, für die Pastor Dr. Bernd Schwarze verantwortlich ist. Thomas Erne und Christina Bickel haben mit Bernd Schwarze über seine Arbeit und seine Projekte gesprochen.

MANDY EL-SAYEGH IN ST. PETRI: ENFLESHING

DEU, Luebeck, 2023, “Enfleshing” – Exhibition by Mandy El-Sayegh at Church Sankt Petri, Copyright photo: Fred Dott

CB: Vom 11. Februar bis 19. März war bei euch jüngst die Doppelausstellung der malayischen, in London lebenden Künstlerin Mandy El-Sayegh zu sehen. Kannst Du uns mehr dazu erzählen?

BS: Kuratiert wurde die Ausstellung von Oliver Zybok. Er ist Direktor der Overbeck-Gesellschaft in Lübeck, also dem Kunstverein. Wir haben eine enge Kooperation und bespielen oft die Kirche und den Overbeck-Pavillon zusammen. Mandy al Sayegh hat in ihrer Ausstellung mit Latex als Basismaterial gearbeitet, in das sie verschiedene Dinge hinein collagiert hat (u. a. Stoffe, Zeitungsartikel, Fotografien) und was den Boden der Kirche bedeckt hat. Die Latexschicht wirkte dabei wie Haut, hatte etwas Zartes und Gefährdetes. Außerdem hat sie großformatige Banner zwischen die Säulen gehängt. Der Raum – ein White Cube, an dessen Säulen und Wände nichts befestigt werden kann, muss für jede Ausstellung neu erobert werden, auch aufgrund seiner Maße.

DEU, Luebeck, 2023, “Enfleshing” – Exhibition by Mandy El-Sayegh at Church Sankt Petri, Copyright photo: Fred Dott

TE: Finden noch Gemeindegottesdienste in St. Petri statt oder ist es eine Bedingung des Erfolges als Kulturkirche, dass es keine Gemeinde im klassischen Sinne gibt?

BS: Ja, das ist die Voraussetzung des Erfolges und irgendwie Schicksal und Glücksfall zugleich. Die gemeindliche Versorgung ist durch andere Lübecker Kirchen gegeben. Nach dem zweiten Weltkrieg war es gut, dass der Wiederaufbau von St. Petri nicht so schnell voran ging. Schließlich hatte Kirchenbaudirektor Zimmermann die Idee, die Kirche so entkernt zu lassen und das Provisorische als Chance zu sehen. Auf diese Weise entstand ein flexibler Kirchraum, der auch inhaltlich flexibel ist.

TE: Das heißt, um etwas Neues zu entwickeln, benötigt man einen Empty-Space.

BS: Ja, das ist tatsächlich so. Ich habe eine ähnliche Arbeit in St. Marien versucht, eine Kirche mit monströsem Gestühl und Bänken. Wir haben dann die Bänke auf den Marktplatz geschoben, so dass der Raum frei war, erlebt werden konnte und gleichzeitig die Menschen auf dem Marktplatz sitzen konnten. Daraus, nicht den gängigen Erwartungen weniger traditionell eingestellter Kirchgänger:innen zu genügen, ist viel entstanden.

JONATHAN MEESE IN ST. PETRI

CB: Und was ist für Dich so ein besonderes Erlebnis, Ereignis, dass sich bei Dir in St. Petri zugetragen hat?

BS: Jonathan Meese war ein Ereignis – vor allem, weil wir so herrlich viel gelacht haben. Es war eine Welle, die durch die Stadt ging. Dieser Wüterich ist ja so ein herzensguter Kerl. Wir haben die halbe Stadt gemeinsam mit inszeniert und viele Orte mit ihm gestaltet. Ich kann mich noch gut an einen Museumsbesuch mit ihm erinnern. Da hat er die Museumswärterinnen angesprochen, ihnen die Hand gegeben und gesagt: „Ganz, ganz lieben Dank, dass Sie sich für die Kunst einsetzen.“ Das kommt von Herzen.

Ich hatte im Vorfeld etwas Angst vor Jonathans Inszenierung in St. Petri und mit einigen Kirchenleuten geredet. Mit der Pröpstin habe ich mich dann darauf geeinigt, dass, wenn er irgendwie meinen sollte, einen großen Eimer blaue Farbe auf den Fußboden zu kippen, kann er das gerne tun, Hauptsache er signiert das. Wir haben uns auf Jonathan eingelassen. Viele Menschen aus Lübeck hatten den Mut dazu. Dann ging es los.

2019 © PHOTOGRAPHY JAN BAUER . NET / COURTESY JONATHAN MEESE . COM

CB: Jetzt bin ich gespannt darauf, wie Jonathan Meese den Kirchraum interveniert hat. Wie hat er den besonderen Ort der Kirche wahrgenommen, hatte dieser für ihn etwas Sakrales oder war es eine besondere Location?

BS: Er hat gar nichts zum Raum gesagt und war auch selbst voller Widersprüche. Bei unserer ersten Begegnung hieß unser Motto „weniger ist mehr“. Und dann kamen drei Trucks vorgefahren, die erst mal einen kompletten Messie-Haushalt bei uns ausgekippt haben. Das war richtig spannend. Klar, für Jonathan ist es die alte Religion – nicht mehr. Wenn es eine Religion gibt, dann ist es die Kunst, und dennoch ist er auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Daraufhin habe ich den Tresor aufgeschlossen und ihm einen uralten Abendmahlskelch gezeigt und ihn gefragt, wie dieser als Heiliger Gral wäre. Daraufhin sagte er: „Toll, den muss ich ganz oben auf den Nietzsche-Turm hinstellen“, und dann hat er uns gebeten, das Kreuz abzuhängen. An den Aufhängepunkt des Kreuzes hat er dann ein kopiertes Portrait von Richard Wagner gehängt. Jonathan ist voller Ambivalenzen und Unruhe, dabei hat er gleichsam ein Zwinkern in den Augen. Wenn er in einer Performance den großen Diktator heraushängen lässt, dann kann man es natürlich leicht missverstehen. Meine erste Morddrohung habe ich wegen Meese erhalten.

TE: Ist denn an der These von Meese etwas dran, dass die Kunst die moderne Religion ist?

BS: Ein altes und vielbehandeltes Thema. – Die künstlerischen Ausdrucksformen sind in einer Zeit entstanden, in der ohnehin alles eins war. Jeder künstlerische Ausdruck war gleichzeitig auch Ausdruck einer kultischen Verehrung. Dann ist es immer mehr auseinander gegangen. Die Kunst hat  sich hin zu autonomen Formen bewegt. Zu einer Kunst, die Kunst sein wollte und sonst nichts. Ich denke, dass Kunstformen wie sie in St. Petri praktiziert werden, aber auch in der Popkultur ein großes religiöses Erfahrungsspektrum von Trost über Geborgenheit innewohnt.

HIGHLIGHTS, VERWANDLUNGEN UND KOOPERATIONEN: FORMATE IN ST. PETRI

Foto: Olaf Malzahn

BS: Eines meiner persönlichen Highlights war ein Abend zum Abendmahl mit dem Song „Suppers Ready“ von Genesis. Das Stück hat eine sakrale Anmutung. Ich wollte immer dass es einmal in der Kirche gespielt wird. Ich habe dazu gemeinsam mit einem Sänger, einer Choreographin und sechs Tänzerinnen an einer Inszenierung gearbeitet, in der die Rolle der Frauen zwischen Tänzerinnen und Meßdienerinnen auf interessante Weise changiert. Die Abendmahlperformance haben wir an einem Gründonnerstag inszeniert. Es kamen 1300 Besucher:innen, die es überaus interessant fanden, wie christliche Thema transparent gemacht wurde.

CB: Fallen Dir noch weitere markante Ereignisse neben Meese in ihrer Kulturarbeit ein?

Im Jahr 2000 wollten mein Vorgänger Günter Harig und ich ein Symposion zum Thema „Raum und Ritual“ veranstalten. Dazu gestalteten wir ein Rahmenprogramm mit dem Hamburger Theatermacher Michael Batz, mit dessen Hilfe wir sämtliche Kirchräume umgearbeitet haben. In die alte Seefahrerkirche St. Jakobi haben wir beispielsweise ein fließendes Gewässer mit Teichfolie eingebaut. Wollte man zum Altar gehen, musste man Schuhe und Strümpfe ausziehen. Es gab eine Laser-Lichtskulptur über der Stadt, die die Kirchtürme miteinander verband.

Für mich und meine Arbeit ist es von großer Bedeutung, mit anderen Kulturinstitutionen in der Stadt zusammenzuarbeiten, keine Berührungsängste zu haben, mit Unternehmern, Hochschulen, Galeristen im Gespräch zu sein, ebenso mit den Bürger:innen. Auf diese Weise kann man etwas bewegen, was eine Stadt für eine gewisse Zeit so richtig verzaubert.

TE: Was macht Deiner Meinung nach eine gute Kooperation aus, so dass es zu eben solchen zauberhaften Momenten kommt?

BS: Neugier ist ungemein wichtig. Deshalb funktionieren Kooperationen am besten mit Künstler:innen und Wissenschaftler:innen, die etwas erforschen, erkunden und unseren Blick auf die Welt verändern wollen. Als Kooperationspartner nehme ich die Grundhaltung der Offenheit für etwas ein, was es zuvor noch nie gab. Mit den drei Hochschulen klappt es immer wunderbar. Wir erwarten gegenseitig von uns etwas Besonderes. Manchmal muss ich den Kooperationspartner auch von Sorgen herunterholen, die sie sich machen. Mit Studierenden kooperiere ich zum Beispiel im Rahmen der Nordischen Filmtage, die im November stattfinden. Ich habe mir gemeinsam mit den Studierenden ein Format ausgedacht, das heißt Filmnacht-Andacht. Die Leute kommen nach St. Petri und müssen sich den ganzen Film anschauen. Dazu gibt es ein Rahmenprogramm. Studierende der Musikhochschule setzen sich zuvor mit der Filmmusik auseinander und arbeiten mit der Musik. Im Rahmen des Abends spielen sie nach der Begrüßung, gepaart mit Lyrik, Adaptionen davon oder setzen einen Kontrapunkt dazu. Danach gibt es eine Filmauslegung und Kontextualisierung. Diese ist aber nicht verchristlicht und beschäftigt sich auch mit den nordischen Mythen und Kulten.

CB: Wir haben von Dir viel zu Kooperationen, die Bedeutung des Kooperierens und von konkreten Projekten gehört. Mich würde nun interessieren, welche Zielgruppe Du in Deiner Arbeit konkret vor Augen hast?

BS: Lange Zeit waren es grüne und linke Bildungsbürger, die hauptsächlich Veranstaltungen in St. Petri besuchten. Auch Atheisten und Agnostiker kommen gerne und fühlen sich gut aufgehoben. Sie haben in mir einen Partner, der ihre Fragen gut versteht und sich manchmal auch die gleichen Antworten gibt. Lange Zeit ging es hier sehr elitär zu, was mich aber gestört hat, weil ich aktiv aus der Popkultur komme. Moderne, dissonante Musik höre ich selber nicht so gerne. Mein Ziel war es, Musik so zu arrangieren, dass diese noch einmal eine andere Erzählung im Raum ergibt. Die Menschen sollen ins Genießen kommen. Ich wollte leichte Dinge mit Schwierigem mischen. Das kommt auch bei Menschen zwischen 19 und 25 Jahren gut an. Unterschiedliche Charaktere suchen geistige und inhaltliche Anregung, die sie in St. Petri finden.

TE: Ja, und da scheint eine ganz entschiedene Funktion für Deine Arbeit auch bereits im Raum zu liegen. Du kannst relativ entspannt Gastgeber sein, weil der Raum, in dem sich so viel an sozialem Kapital über die Jahre angesammelt hat, schon so viel leistet.

BS: Unbedingt leistet das der Raum. Es gibt auch Wochen im Jahr, wo wir jeden Stuhl ausräumen und die Menschen bitten, einfach hereinzukommen. Die Besucher:innen können Licht, Weite und die Geschichten, die irgendwie in die Steine eingeschrieben sind, wahrnehmen. Das Gebäude bringt viele Bedeutungsebenen mit.

Foto: Thomas Berg

Foto: Thomas Berg, St. Petri Lübeck

TE: Und wenn wir bei Räumen sind: Welche Rolle spielt das Café für die Kirche?

BS: Das Café ist auch ein Sorgenkind, weil die Umsätze auch bei gutem Besuch bescheiden sind. Es ist uns aber sehr wichtig, weil es eine Gastlichkeit erzeugt und Menschen einlädt. Im Sommer können Gäste einen Café trinken und Singer-Songwritern auf dem Kirchhof lauschen. Wir wollen eine kleine Oase sein, die man mit allen Sinnen genießen kann. Hierzu braucht es eine Professionalität in ganz praktischen Dingen.

CB: Abschließend möchte ich noch mal das Thema wechseln: Du hast auch einen Kriminalroman „Mein Wille geschehe“ geschrieben, der 2021 erschienen und zum Spiegel-Bestseller geworden ist. Wie bist Du dazu gekommen?

BS: Ich habe professionelles Interesse am Bösen und der wiederhergestellten Ordnung, und mit viel Freude habe ich Kriminächte in St. Petri veranstaltet. Während einer derartigen Kriminacht habe ich Sebastian Fitzek kennengelernt. Ich wollte ihm eigentlich nur den Tipp geben, mal eine seiner Geschichten in der Kirche geschehen zu lassen, und ihm dazu die Marienkirche zeigen. Er hat mir dann geraten, selbst das Buch zu schreiben, weil ich meinen eigenen Stil hätte. Mit meinem Roman konnte ich mich phantasievoll und künstlerisch in einen Pfarrer hineinversetzen, der ein richtiger homo incurvatus in se ipsum ist und schließlich alles aufbrechen lassen.

CB: Der Tipp von Fitzek, selbst ein Buch zu schreiben, war ja genau der Richtige. Abschließend würde mich noch interessieren, was Du Dir für die Zukunft wünschst. Welche Projekte würdest Du gerne noch angehen?

WAS KOMMT: “ANGST”

BS: 2024 möchte ich einen Abend zum Thema „Angst“ mit Menschen zwischen 18 und 25 Jahren, mit Studierenden der drei Lübecker Hochschulen und einem Theater-Jugendclub gestalten. Sting war neulich auch in Lübeck, den hätte ich unheimlich gerne mal mit seiner Gitarre zu einem Konzert bei uns in die Kirche eingeladen.  Außerdem würde ich sehr gerne mit dem dänisch-isländischen Künstler Ólafur Elíasson zusammenarbeiten.

Herzlichen Dank, lieber Bernd Schwarze für das anregende Interview und die zur Verfügung gestellten Fotos! Gerne kommen wir bei der nächsten großen Veranstaltung in St. Petri vorbei!

DER INITIATOR: DR. BERND SCHWARZE

Bernd hat in den 80er Jahren Theologie studiert, Musik gemacht, Theater gespielt, zahlreiche Menschen kennengelernt, anschließend an der Hamburger Universität im Schnittfeld von Popmusik und Theologie promoviert und mit Gotthard Fermor den Arbeitskreis Popkultur und Religion gegründet. Schließlich absolvierte er sein Vikariat am Timmendorfer Strand, wollte eigentlich in den akademischen Bereich zurückkehren, doch er nahm stattdessen das kirchliche Angebot, in St. Petri zu arbeiten, an. Denn es erschien ihm ein überaus attraktives Experimentierfeld zu sein, Kunst, Wissenschaft und religiöse Praxis miteinander zu verbinden. Dementsprechend stärkte er die Zusammenarbeit mit Universität, Technischer Hochschule und Musikhochschule, hält mit ihnen gemeinsam akademische Feiern im Kirchraum ab. Auch bietet er ein Wintercafé für Bedürftige mit kulturellen Darbietungen an und hat den Kriminalroman „Mein Wille geschehe“ geschrieben.

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Dr. Bernd Schwarze: st-petri-luebeck.de