
„Wenn Gott ein Eichhörnchen wäre, dann würden die Theologen in jedem Kunstwerk ein Eichhörnchen finden.“ Mit diesem Satz sind wir einmal über die Documenta gelaufen und haben Eichhörnchenjagd gemacht. Wer suchet, der findet.
Johannes Böckmann bespricht den Roman „Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen“ von Kukiko Tsumura, sucht nach Einhörnchen und denkt an Markus Gabriel.
Eine namenlose Ich-Erzählerin sitzt am PC in einem kleinen Office-Cubicle und überwacht auf mehreren Bildschirmen illegal eine Privatperson, Autorin und DVD-Sammlerin, die „heiße Ware“ unwissend bei sich aufbewahren soll. Diese Stelle führt die Erzählerin erst seit kurzem aus, sie wurde ihr auf der Suche nach neuer Arbeit, nach den Burnout-Erfahrungen ihres vorherigen Berufs, von ihrer Arbeitsagentin vermittelt. Mit einer lakonischen Beschreibung dieser modernen Arbeitswelt beginnt der Roman „Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen“ von Kukiko Tsumura.
Und nur für dieses erste Kapitel stimmen streng genommen der Titel, der Buchrückentext und die Testimonials, in denen es heißt, das Buch sei „surreal und sehr böse“ (DAZED), beschreibe die „Absurditäten des Alltagsstrotts“ (Sharlene Teo) und folge einer Erzählerin, „gebeutelt von den nie enden wollenden Anforderungen des, na ja: Kapitalismus“. Der Roman enthält keine Kapitalismuskritik. Der Kapitalismus mit seinen Absurditäten stellt die selbstverständliche Welt der Erzählerin dar und erscheint absurd, wie er ist – suffisant dargestellt, jedoch als Hintergrund, während die psychische Krise der Erzählerin im Zentrum steht. Es handelt sich um eine Sinnkrise. Mit ihr beginnt der Text in medias res bei der Beobachtung der Zielperson.
Die Erzählerin hatte in ihrem vorherigen Job 14 Jahre lang intensiv im direkten Kontakt mit Menschen gearbeitet. Nun wünschte sie sich eine Tätigkeit, die sich anfühlte, als würde man dafür bezahlt, koreanische Dramen zu schauen und Yakisoba zu essen. Wie ein Dschinn aus der Lampe hatte Frau Masakado von der Arbeitsagentur den passenden Job aus einem Aktenordner heraufbeschworen. Erwartungsgemäß besitzt diese Wunscherfüllung einen Haken. Die Erzählerin beendet die Observierung erfolgreich, findet sogar den entscheidenden Hinweis, um die bei der Zielperson von einer befreundeten angeblichen Reporterin, tatsächlich einer Schmugglerin, deponierte Ware sicherzustellen – sie beendet den Job, indem sie den Vertrag zur Verlängerung auslaufen lässt, obwohl der illegal operierende Arbeitgeber sie gern weiterbeschäftigt hätte.
Beim Termin mit der Arbeitsagentin greift die Erzählerin zunächst auf allgemeine Ausflüchte zurück, die sie online gelesen hat, warum sie den Job beendet habe, denkt sich dann – etwas fadenscheinig – aus, man sitze dort zu windstill, und „zu schnelle Veränderungen stressen mich“. Tatsächlich bleibt der Erzählerin unklar, was sie gestört hat und was sie sucht.
Der Reihe nach durchläuft sie während der Handlung des Romans wie eine Reihe von Wiedergeburten den Observierungsjob, eine Anstellung zum Schreiben von Werbedurchsagen in einer Buslinie, weitervermittelt eine Tätigkeit zum Schreiben interessanter Texte für Snacktüten, danach einen Job als Verteilerin gemeinnütziger Plakate sowie schließlich eine einfache Bürotätigkeit in einer Hütte mitten im Wald. Jede dieser Arbeiten erweist sich als besser als erwartet und die Erzählerin als bestens geeignet, doch keine behält sie. Durch jede Tätigkeit wächst ihre Fähigkeit, sich eine passende nächste Gelegenheit zu wünschen und sie findet zum echten Kontakt mit Menschen zurück.
Ein weiterer Strang zieht sich durch das Buch: paranormale Aktivität. [1] Das Objekt der Beobachtung im Observierungsjob, die Autorin, sieht eines Tages eine Reportage über Geister und beginnt – meta-ironischerweise –, sich beobachtet zu fühlen; die Buswerbung lässt beworbene Läden scheinbar wie von Zauberhand erscheinen oder schließen; als Plakatiererin gerät die Erzählerin in Konkurrenz zu einer mysteriösen „Sekte“ [2], die sich auf das Ausnutzen von Einsamkeit und auf Plakatwerbung spezialisiert hat; ein Snacktütentext rettet ein Leben; und die Vorgängerin der Erzählerin gibt die Bürotätigkeit im Wald auf, da die Hütte von einem unruhigen Geist heimgesucht wird.
Strukturell wie inhaltlich zeigt sich das Buch von randständig-religiösen Themen durchzogen. Es entfaltet sich als Reise durch die Unterwelt der Burnout-Folgen. Das Ziel dieser Reise liegt in Erlösung, Heilung und der erneuten Wahrnehmung von Sinn. „Fast könnte man meinen, das Ganze hätte System …“, kokettiert der Buchrückentext. Tatsächlich entsteht dieser Eindruck, und zugleich erscheint das Leben außerhalb von Büchern häufig in ähnlicher Weise bedeutsam. An den Rändern fängt es an zu flirren.
Ich möchte das mit einem Beispiel aus dem schweizerischen Fernsehen, der Sendung Sternstunde Religion, illustrieren, das mir seit Jahren präsent bleibt. Markus Gabriel wurde dort von Ahmad Milad Karimi gefragt, ob es „einen Moment oder eine Erfahrung in Ihrem Leben gab, die Ihre Sicht auf Gott verändert hat“. Gabriel antwortete, wie es sich dem Philosophen geziemt, vorsichtig und mit einer leichten Bedeutungsverschiebung: „Ich denke, fundamental gibt es verschiedene Punkte in meinem Leben, von denen ich das Gefühl hatte, dass die Wirklichkeit mir eine Bedeutung entgegenbringt, die ich nicht gesetzt habe. Das sind die Geburt meiner Kinder, das Kennenlernen meiner Frau. Oder Situationen wie der Tod des eigenen Vaters in meinem Fall, wo man das Gefühl hat – in Grenzsituationen, wie der Philosoph Karl Jaspers das nannte –, dass man mit etwas zu tun hat, das einen selbst überschreitet.“
Die interpretierende Rückfrage, die Vorsicht wieder ausklammernd: „Das heißt, Sie würden diese Momente als Gottesmomente bezeichnen?“ Worauf Gabriel wieder hermeneutisch und tastend erklärt: „Ich glaube, der Ursprung der religiösen Erfahrung und der Frage nach Gott, dem Göttlichen liegt darin, dass Menschen eine bestimmte Erfahrung mit der Wirklichkeit machen. Dass die Wirklichkeit nicht nur im Allgemeinen unverfügbar ist, dass wir die Wirklichkeit letztlich nicht verändern, ihr nicht entrinnen können. Sondern dass die unverfügbare Wirklichkeit, das worüber wir keine Kontrolle haben, uns Bedeutung entgegenbringt. Ich glaube, das ist die eigentliche religiöse Erfahrung. Der Eindruck, als ob die Wirklichkeit selber mit einem spricht, eine tiefere Bedeutung hat als die Oberfläche des alltäglichen Geschehens.“
Ob Frau Masakado nun ein Eichhörnchen ist, wird der·die geneigte Leser·in für sich entscheiden.
Der Roman Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen von Kikuko Tsumura ist im Eichborn Verlag erschienen. Die deutschsprachige Ausgabe erschien am 31. Oktober 2025 und liegt als Paperback sowie in digitalen Formaten vor. Die Übersetzung aus dem Japanischen stammt von Katja Busson. Die Taschenbuchausgabe umfasst 304 Seiten und trägt die ISBN 978-3-8479-0224-9. Preis: 18€ Softcover, um 15€ eBook.
[1] Exkurs: Die religiöse Landschaft in Japan kennt viele verschiedene Gestalten und Vorstellungen des Religiösen. Der Shinto kennt kami, die im Westen als Gottheiten umschrieben werden, aber etwa ein Wald, ein Fluss oder der Berg Fuji sind, gleichzeitig jedoch auch in Menschengestalt auftreten können; und die yokai, fabelhafte, geisterartige, gutwillige, böswillige oder teilweise grausam verspielte Tierwesen oder animierte Gegenstände, wie lebendiggewordene Wände oder Katzen mit mehreren Schwanzspitzen; da sind das Christentum, der Islam, das Judentum, der Buddhismus und andere für Japan westliche Religionen; und es gibt eine vielzahl shinshūkyō, sogenannter neuer religiöser Bewegungen in Japan, einem Ausdruck, dem spätestens seit Shōkō Asahara und den Giftgasangriffen seiner Organisation Ōmu Shinrikyō auf die Tokioter U-Bahn 1995 etwas verruchtes anhaftet. Die Grenze zwischen sozialen und religiösen Bewegungen ist dabei fließend.
[2] So der Buchrückentext, im Buch selbst wird die Gruppe nicht als Sekte bezeichnet, stellt auch nicht im substantiellen, hochstens in einem funktionellen Sinn eine religiöse Bewegung dar, da religiöse Texte oder Vorstellungen keine Erwähnung finden, wohl aber eine drastische Gruppendynamik und ein missionarisches Vorgehen.








