Es muss in den 1950er Jahren passiert sein, dass sich das alte Dorf in Europa verabschiedet hat. Keine Misthaufen mehr entlang der Dorfstraße, keine Kuh mehr im Stall, kein Hahn, der kräht. Geert Mak hat darüber ein spannendes Buch geschrieben: Wie Gott verschwand aus Jorwerd. Jorwerd ist ein Dorf in Friesland, an dem Mak die Verwandlung festmacht. Solche Dörfer liegen überall in Europa. Wie in Unterjesingen bei Tübingen gibt es dort noch die alten Höfe und Scheunen. Auch die Kirche steht noch in der Mitte des Dorfes. Aber das dörfliche Leben, das sich dort über Jahrhunderte abspielte, ein Leben im Rhythmus von Saat und Ernte, unterbrochen von den großen kirchlichen Festen, dieses gemeinsame dörfliche Leben ist verschwunden.

Eva Christina Kündig, Ins Offene, 2025
Das moderne Dorf ist heute kein Ort mehr, wo die Menschen ihr ganzes Leben verbringen, geboren werden, in der Dorfkirche getauft werden, dann zur Dorfschule gehen, in der Landwirtschaft arbeiten, jemand aus dem Dorf heiraten, hier eine Familie gründen und am Ende des Lebens im eigenen Bett sterben und auf dem Dorffriedhof begraben werden. Diese gemeinsame Lebensform, die Generationen von Dorfbewohnern verbunden hat, existiert heute nicht mehr, auch nicht in Unterjesingen. Nur deshalb kann sich Unterjesingen alle zwei Jahre in ein Kunstdorf verwandeln, weil die Ställe und Scheunen, die Kelter und die Garagen nicht mehr gebraucht werden für die Arbeit im Weinberg oder für Saat und Ernte auf den Feldern. Nur weil diese alte dörfliche Lebensform aus den Höfen und Scheunen verschwunden ist, kann dort die Kunst zu Gast sein.
Aber warum die Kunst? Man könnte doch auch einmal im Jahr eine Ausstellung zur Geschichte des Dorfes machen oder einen Regionalmarkt, oder wenn es unbedingt um schöne Dinge gehen soll, dann könnte man auch das Kunsthandwerk in die Scheunen und Garagen in Unterjesingen einladen. Schnitzkunst und Weberei, Goldschmiede, Glasbläser und Töpferei, da gibt es handwerkliches Können auf höchstem Niveau, die Produkte sind schön und brauchbar zugleich und erreichen zudem ein breites Publikum. Die Kunst dagegen ist ein sperriger Gast. Sie lässt „Fremdes entdecken“ (2002), weil sie mitunter befremdet. Sie führt zu „Spannungen“ (2015) und wirft mit ihren oft verstörenden Werken die Frage auf: „Ist das schön“? (2024). Sie fordert heraus und setzt „in Bewegung“ (2017), weil sie nicht selten an die Grenze geht („Grenzgänge“, 2009). Das sind einige der Themen, die die Kunst dem Dorf Unterjesingen in den letzten 25 Jahren zugemutet hat. Blickt man auf diese Liste, dann würde man sagen, dieses Dorf hat einen unstillbaren Hunger nach Irritation und Innovation, jedenfalls diejenigen, die in Unterjesingen das Kunstdorf organisieren.

Rosa Zettl, Havarie hair is meant to be loose, 2017 (c) Foto Nicolas Wefers
Das ist ja in der Tat in unserer Gesellschaft vielleicht die wichtigste Aufgabe der Kunst: Sie soll sich der Routine, dem Banalen und Trivialen verweigern und etwas Neues zeigen. Deshalb ist Kunst anstrengend, sperrig, mitunter wild, spontan und chaotisch. Deshalb konfrontiert uns Rosa Violetta Zettl in diesem Jahr im Kunstdorf mit der Unberechenbarkeit ihrer Installationen, weil die Künstlerin nur so, unberechenbar und chaotisch, unseren Horizont weiten kann.Warum aber will Unterjesingen mit Künstlerinnen und Künstlern, die in den Scheunen und Ställen kräftig irritieren werden, seine engen Grenzen weiten und „ins Offene“ (2026) gelangen, so das Thema des Kunstdorfes in diesem Jahr? Ist das Kunstdorf eine Art von Trainingscamp für eine gesteigerte Elastizität im Endlichen? Eine Lockerung der Grenzen des Vorstellbaren, die mit der Imagination beginnt, die wie ein Muskel der Übung bedarf?
Das würde ja einleuchten vor dem Hintergrund der tiefgehenden Veränderungen, die Unterjesingen im letzten Jahrhundert durchgemacht hat und noch durchmachen wird. Dieser Prozess ist nicht abgeschlossen. Das moderne Dorf muss eine Antwort auf die Frage finden, ob es eine eigenständige Lebens- und Wirtschaftsform sein kann, unabhängig von den Zentren, in denen sich die wirtschaftliche und kulturelle Macht konzentriert. Kann Unterjesingen mehr sein als ein Schlaf- und Wohndorf für Tübingen? Bietet die Digitalisierung der Arbeitswelt neue Optionen? Home Office geht auch auf dem Dorf. Dort ist die Luft besser, die Landschaft schöner, der Bodenpreis günstiger und das Leben entspannter als in den Zentren. Und bietet die lange Tradition der Gemeinschaft im Dorf ein Modell für den sozialen Zusammenhalt, für Nachbarschaftshilfe, für Solidarität, was in den Städten zunehmend verloren geht?

Mario Urlaß, Hybrid anthropomorpus, 2022
Die Kunst wird auch in diesem Jahr keine direkte Antwort auf Fragen des sozialen Wandels in Unterjesingen geben. Aber indirekt ist die Kunst ein wesentlicher Beitrag, um ein Dorf zu verändern, vor allem dann, wenn es noch nicht weiß, wohin es dieser Weg führt. Niemand ist besser gerüstet für solche offenen Prozesse als die Kunst, wie Mario Urlaß´ hybride Objekte deutlich machen. Sie handeln vom Aufdecken und Erschließen von Sinnzusammenhängen, die nicht bereits feststehen. Ein solches „Geschehen des Entbergens“ in der Kunst hat kein festes Ziel vor Augen, so dass nur das Problem zu lösen wäre, mit welchen Mitteln der Künstler an sein Ziel kommt.

Mario Urlaß, Vom Werden, 2025
Kunst hat es vielmehr mit dem Gebären der Form zu tun, beispielsweise aus einem Papierbrei aus Zeitungen, dem Pulp, aus dem bei Eva Christina Kündig ausdrucksstarke Köpfe entstehen, die ihre Herkunft aus der Papiersuppe nicht verleugnen.

Eva Christina Kündig, Der Fall, 2024
Diese Möglichkeit, im scheinbar Banalen und Überflüssigen etwas Unerwartetes zu entdecken, etwas so Poetisches wie die Objekte, die Susanne Dohm-Sauter aus den bunten Folien und Plastikresten schafft, ist das Besondere der Kunst, die ihr Ziel in der Auseinandersetzung mit dem Material überhaupt erst entwickelt.

Susanne Dohm-Sauter, Boquet der Illusion, 2025
Ohne diese Offenheit, ohne den Prozess des Suchens gibt es in der Kunst kein Werk, ohne einen Prozess, der das Ziel erst findet, wie Peter Riek, der sich auf den Weg machte von Lindau nach Ithaka, 24 Tage mit dem Fahrrad, eine Verneigung vor Hölderlin und Homer, eine Erkundung der eigenen Existenz in Zeichnungen, die auf dieser Reise entstehen, und die nur so, unterwegs, auf der Suche nach den eigenen Wurzeln entstehen konnten.

Peter Riek, Old Man Odyssey, 2025
Geht man in Berlin ins Neue Museum, dann kann man dort nicht nur Nofretete bewundern, sondern auch, wie anders die Kunst in Ägypten verstanden wurde. Da stehen zwei nahezu identische Figuren nebeneinander. Sucht man nach einer Erklärung, sieht man, dass die Figuren 600 Jahre auseinander liegen. Nicht Neues in 600 Jahren Kunstgeschichte? Undenkbar in unserer westlichen Tradition. Künstler schaffen hier nicht nur große Werke, sondern erfinden auch die Regeln neu. Deshalb trennt eine Welt das Bild von Dürer und das von Piet Mondrian. Groß ist in unserer Tradition, wer das Offene sucht und etwas Neues schafft. In Ägypten dagegen zählte die Konstanz. Groß war, wer genau das wiederholte, was in Ewigkeit gültig war.
Zu Recht hat Unterjesingen einen großen Hunger nach Innovation und Irritationen. Das Dorf muss sich ja neu erfinden. Da ist die Kunst eine Hilfe, die in diesem Jahr im Kunstdorf zu sehen sein wird, denn sie führt die Phantasie ins Offene, ohne dem Dorf vorzuschreiben, wie die nächsten Schritte seiner Entwicklung auszusehen haben. Und vielleicht wird in 20 Jahren, wenn diese Entwicklung erfolgreich abgeschlossen sein wird, das Thema des Kunstdorfes in Unterjesingen sein: Was bleibt ewig?
Das Kunstdorf Unterjesingen zeigt zum Thema „Ins Offene“ zeitgenössische Kunst im Dorf vom 27.6.2026 bis 28.6.2026. Beteiligt sind Barbara Wünsche-Kehle, Eva Kündig, Linda Schwarz, malatsion, Mario Urlaß, Peter Riek, Petra Steidel Wokeck, Rainer Steve Kaufmann, Rosa Violetta Zettl, Stephan Müller, Susanne Dohm-Sauter und Ulrike Gerst. Die Künstlerinnen und Künstler sind an beiden Tagen anwesend.









