Im Fragment erzählen

Erinnerung, Genealogie und narrative Kasualpraxis in „Anna oder: Was von einem Leben bleibt“

Ein essayistischer Versuch von Christina Bickel

Was bleibt von einem Leben?

Vielleicht nicht viel mehr als Fotografien, Briefe, Gegenstände, Familienerzählungen und Leerstellen. Vielleicht bleibt ein Blick in die Kamera, ein besticktes Taschentuch, ein Kaffeeservice, eine Erinnerung an eine Stimme, die längst verstummt ist. Vielleicht bleibt vor allem das Erzählen selbst als Versuch, einem vergangenen Menschen noch einmal nahezukommen, ohne ihn jemals ganz besitzen zu können.

Henning Sußebach nähert sich in „Anna oder: Was von einem Leben bleibt“ dem Leben seiner Urgroßmutter Anna an. Sie lebte zwischen dem späten 19. Jahrhundert und den frühen 1930er Jahren, war Lehrerin, Gastwirtin, Mutter und Postbevollmächtigte. Doch der Roman ist keine klassische Familienchronik und auch keine Biografie im engeren Sinn. Es erzählt kein Leben als geschlossene Entwicklung. Vielmehr macht es sichtbar, dass menschliche Leben grundsätzlich fragmentarisch bleiben.

Gerade darin liegt die besondere Qualität dieses Buches.

Sußebach schreibt nicht aus einer Position souveränen Wissens. Sein Erzählen bleibt tastend. Fotografien, Gesetzestexte, historische Dokumente, Erzählfragmente und Gegenstände werden zu Spuren eines Lebens, das sich niemals vollständig erschließen lässt. Erinnerung erscheint dabei nicht nur als Rekonstruktion von Vergangenheit, sondern immer auch als Neukonstruktion. Das Vergangene liegt nicht einfach bereit und muss nur freigelegt werden. Es entsteht erst im Erzählen neu.

Immer wieder eröffnet die Geschichte von Anna Möglichkeitsräume. Wie hätte Anna leben können? Was wäre gewesen, wenn sie im Lehrerinnenzölibat geblieben wäre? Wenn sie keine Ehe eingegangen wäre, keine Kinder bekommen hätte, keinen Gasthof geführt hätte? Solche Fragen verleihen der Erzählung ihre Tiefe. Das Leben erscheint nicht als zwangsläufige Entwicklung, sondern als eine Möglichkeit unter vielen anderen.

Doch diese Möglichkeiten bleiben bewusst spekulativ. Gerade darin liegt die literarische Ehrlichkeit des Buches. Sußebach behauptet nie, Anna vollständig verstanden zu haben. Immer wieder reflektiert der Text die Grenzen historischer Annäherung. Gegenwärtige Vorstellungen lassen sich nicht einfach auf vergangene Lebenswelten übertragen. Die Vergangenheit bleibt fremd. Erinnerung bleibt brüchig.

Das Fragmentarische erscheint dadurch nicht bloß als Mangel an Wissen, sondern als angemessene Form biografischen Erzählens überhaupt. Kein Leben liegt jemals vollständig vor. Vielleicht ist das Nicht-ganz-Verstehen kein Scheitern, sondern eine Form des Respekts gegenüber der Unverfügbarkeit eines Menschen.

Gerade die Leerstellen verleihen Anna Würde. Sie wird nicht endgültig erklärt, psychologisiert oder moralisch festgeschrieben. Das Buch widersteht damit einer Versuchung, die viele biografische Erzählungen begleitet: der nachträglichen Glättung eines Lebens.

Besonders eindrucksvoll gelingt dies über die Dinge. Fotografien, Möbelstücke, ein Kaffeeservice oder ein besticktes Taschentuch werden zu emotionalen und narrativen Ankerpunkten. Sie erzählen nicht vollständig und bewahren doch Spuren eines vergangenen Lebens. Vergangenheit erscheint hier nicht abstrakt, sondern materiell und beinahe körperlich erfahrbar.

Zugleich führt das Buch eindringlich in die sozialen und geschlechterbezogenen Wirklichkeiten seiner Zeit hinein. Die engen Rollenzuschreibungen des frühen 20. Jahrhunderts werden keineswegs nostalgisch verklärt. Vielmehr zeigt Sußebach die strukturellen Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen mit großer Sensibilität. Männliche Lehrer verdienten deutlich mehr als ihre Kolleginnen. Frauen mussten ihren Beruf aufgeben, wenn sie heirateten. Tätigkeiten waren klar geschlechtlich codiert. Gerade darin wird sichtbar, wie sehr Lebenswege gesellschaftlich vorgezeichnet waren.

Und dennoch vermeidet das Buch einfache moralische Urteile aus der Gegenwart heraus. Die Vergangenheit erscheint weder heimelig noch rückständig-karikierend. Sußebach versucht vielmehr, historische Lebenswelten in ihrer eigenen Logik ernst zu nehmen. Darin liegt eine bemerkenswert moderne Form des Erinnerns.

Gerade deshalb stellt sich auch die politische Frage genealogischen Erzählens. Urgroßmütterfiguren sind gegenwärtig ein stark aufgeladenes Motiv literarischer Erinnerungskultur, besonders im queer-feministischen Kontext. Genealogien erzählen nie nur Vergangenheit. Sie erzeugen Vorstellungen von Herkunft, Familie, Geschlecht und Identität. Deshalb ist auch die Frage berechtigt, wie ein männlicher Nachfahre heute über seine Urgroßmutter schreibt.

Interessant ist dabei weniger, dass Sußebach schreibt, sondern wie er schreibt. Er eignet sich Anna nicht vollständig an. Er behauptet keinen unmittelbaren Zugang zu ihr. Immer wieder macht der Text die Grenzen seines eigenen Zugriffs sichtbar. Er schreibt nicht: So war sie. Er schreibt vielmehr: So könnte sie gewesen sein. Gerade diese Offenheit verhindert weitgehend eine nostalgische oder essentialistische Urgroßmütterlichkeit. Anna bleibt eine eigenständige Figur, die sich dem vollständigen Zugriff entzieht.

Damit entwickelt das Buch eine bemerkenswert gegenwärtige Form des Erinnerns. Erinnerung erscheint nicht als Besitzergreifung eines vergangenen Lebens, sondern als vorsichtige Annäherung an seine Spuren.

Gerade hierin liegt auch die praktisch-theologische Bedeutung dieses Buches. Denn Anna oder: Was von einem Leben bleibt lässt sich als Modell narrativer Kasualpraxis lesen, besonders im Blick auf Trauerreden.

Auch dort ist ein Leben niemals vollständig verfügbar. Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten mit Fragmenten, mit Erzählungen von Angehörigen, mit kleinen Episoden, Fotografien, Gegenständen und Leerstellen. Eine gute Trauerrede erschöpft sich deshalb nicht in der vollständigen Rekonstruktion eines Lebens. Sie lebt vielmehr von einer sensiblen Spurensicherung.

Sußebachs Buch zeigt, wie ein biografisches Erzählen aussehen kann, das offen bleibt, ohne beliebig zu werden, das deutet, ohne festzuschreiben, das Nähe wagt, ohne den anderen vollständig verfügbar zu machen. Es muss nicht alles erklärt werden. Manches darf erzählt bleiben.

Vielleicht liegt genau darin die tiefste Einsicht dieses Buches. Menschen werden nicht dadurch bewahrt, dass man sie endgültig erklärt. Sie bleiben gegenwärtig, indem ihre Spuren behutsam weitererzählt werden.


Henning Sußebach (1972) ist Journalist und Reporter der Wochenzeitung „Die Zeit“. Er wurde vielfach ausgezeichnet und verbindet in seinen Büchern persönliche Geschichten mit gesellschaftlicher und historischer Reflexion.


Titel:

Anna oder: Was von einem Leben bleibt.
Die Geschichte meiner Urgroßmutter


Autor: 

Henning Sußebach


Verlag:

C. H. Beck (München)


Seiten:

203


ISBN:

978 3 406 83626 8