Der Kinobesuch ist eine so alltägliche wie außergewöhnliche Situation für den Menschen. Welche Bedeutung hat die Situation des Publikums, umgeben von der Gegenwart des Kinosaals, wie auf den Sessel gebunden, ohne Möglichkeit zu pausieren oder zurückzuspulen, passiv und machtlos in der Dunkelheit, Bildern ausgesetzt, die in ihrer Prägnanz und Intensität gleichsam real wirken, wie die Gefangenen in Platons Höhlengleichnis; welche Bedeutung hat diese Existenz des Menschen im Kino als Voraussetzung für die Interpretation des Films? Ein Gepräch und ein Aufsatz.
Achim Hofmann, Referent für Studium und Lehre im Fachbereich „Evangelische Theologie“ der Goethe-Universität Frankfurt a. M., zieht zur Klärung dieser Fragen die Existentialtheologie Rudolf Bultmanns heran. Sein Buch „Lichtspiele des Seins. Existentialtheologische Filmhermeneutik“ ist vor einem Jahr in der Evangelischen Verlagsanstalt erschienen. Der Autor hat sich bereiterklärt, zusätzlich zur Veröffentlichung seines Aufsatzes an dieser Stelle ein kleines Interview zu geben.
Johannes Böckmann: Achim Hofmann, Willkommen auf kunst-religion.de. Du hast zum Kino promoviert. Was hat dich ursprünglich am Kino fasziniert?
Achim Hofmann: Ursprünglich hat mich am Kino der Ort als ein Ort der Kunstdarbietung fasziniert. Dort hinzugehen und sich darauf einzulassen, sich voll und ganz bestimmen zu lassen, war und ist überaus faszinierend für mich. Darüber hinaus hat mich der Film als Medium schon von klein auf interessiert. Bereits als Kind habe ich gerne Filme, vor allem Kinofilme, im Fernsehen geschaut.
JB: Würdest du sagen, dass das auch schon eine Art religiöse Faszination hatte mit dem Kino?
AH: Wenn wir unter religiösen Praktiken bspw. einen Gottesdienstbesuch verstehen, und diesen mit dem Kinobesuch vergleichen, würde ich das eher nicht sagen. Jegliche Darbietung von religiöser Performance, nun im weiteren Sinne verstanden, würde ich immer vom Kino als Ort der Kunstdarbietung unterscheiden wollen.
JB: Okay, also du würdest eine klare Trennung an der Stelle machen zwischen Kunst und Religion. Gibt es denn, würdest du sagen, trotzdem Einsichten, die sich aus deiner Analyse des Kinosaals gewinnen lassen, die Einwirkungen auf das Verständnis von Kirchenbau und Gottesdienst haben?
AH: Sicherlich ist die Wahrnehmung, eine Kirche zu betreten und sich in der oftmals imposanten Architektur vorzufinden, überaus eindrücklich und sicherlich auch prägend, wobei die individuelle religiöse Sozialisation eine starke Rolle spielt. Trotzdem würde ich hervorheben, dass das Kino nicht nur durch den Ort, sondern vor allem auch durch die Filmästhetik – wie etwas gezeigt wird – seine Macht über das Publikum entfalten kann. An dieser Stelle treten Unterschiede zum Gottesdienstbesuch deutlich hervor. Die Beteiligung am Abendmahlsritual ist sicherlich von anderer Art, als sich passiv der Filmkunst auszusetzen. Diese beiden Vollzugsformen – passive Filmrezeption und aktive Beteiligung am Abendmahlsritual – können meiner Ansicht nach nicht miteinander identifiziert und ausgetauscht werden.
JB: Verhält sich denn die Kirche zum Gottesdienstbesuch wie das Kino zum Filmbesuch oder eher nicht?
AH: Ich beginne mit deiner zweiten Verhältnisbestimmung: Kino und Filmbesuch. Der ideale Ort der Filmrezeption ist das Kino. Das ist tatsächlich ein ganz wichtiger und damit auch zentraler Aspekt meiner Auseinandersetzung mit der Forschung, da dort häufig der Ort der Filmrezeption wenig bis gar nicht beachtet wird. Die Wahrnehmung von Filmen mit dem Smartphone oder über das Fernsehen ist natürlich ganz anders, als sich im Kinosaal Filmkunst auszusetzen. Über die erste Verhältnisbestimmung – Kirche und Gottesdienstbesuch – habe ich noch nie so richtig nachgedacht. Sicherlich macht der Ort des Gottesdienstes auch etwas mit der individuellen Wahrnehmung des Einzelnen. Ich glaube schon, dass die Darbietung eines Gottesdienstes vielleicht besonders tiefgreifend wirken kann, wenn sie in einer Kirche stattfindet. Aber das ist nur eine Vermutung und außerhalb meiner Expertise. Ich vermute, wenn der Film an den idealen Ort der Kunstdarbietung, nämlich dem Kino, gebunden ist, so wie ich es behaupte, dann müsste – man beachte die vielen Konjunktive – auch die Kirche als idealer Ort der „Gottesdienstdarbietung“ oder „religiösen Performance“ anzuzeigen sein.
JB: Gehen wir über zu deinem Kernthema. Was würdest du denn sagen, welche Perspektiven eröffnet eine existenzialtheologische Filminterpretation für den Gegenwartsdiskurs? Ist das etwas, also ein schöner Zeitvertreib, den man mal machen kann? Oder hast du ja das Gefühl, etwas beizutragen zu haben, das ansonsten niemand sagen kann?
AH: Vielen Dank für deine Frage, weil sie die Daseinsberechtigung meiner Arbeit betrifft. Die existenzialtheologische Filmhermeneutik setzt am einzelnen Individuum, an der einzelnen Existenz, in vortheoretischer Weise, an. Im Rahmen des Gesprächs zwischen Existenzialtheologie und Kinotheorie kritisiere ich die funktionalen Äquivalentsetzungen zwischen Religion und Film, die in der Forschung deutlich dominieren. Hier wird behauptet, dass das Kino Funktionen wie Identitätsstiftung und Kontingenzbewältigung darbietet und damit im Grunde religiöse Funktionen erfüllt. Ich streite nicht ab, dass das Kino solche Funktionen durchaus präsentiert. Vielmehr lehne ich – mit Bezug zum zweiten Teil der Beschreibung – die meist nachträglich an den Film herangetragene Bezeichnung als „religiösen“ Film ab. Dass Religion gemeinschaftsstiftend und kontingenzbewältigend sein kann, hat vor allem die religionssoziologische Forschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in differenzierter Weise herausgearbeitet. Gilt jedoch auch der Umkehrschluss? Ist überall, wo man sich in großen Gruppen trifft – zum Beispiel auf Conventions, wo meist viele Fans an einem Ort zusammenkommen und ihre Lieblings-Filmreihe feiern – Religion am Werk? Ich würde sagen, das ist dann eine Trivialisierung des Religiösen, wenn wir solche Praktiken auch als Religion bezeichnen. Vielmehr hat das Kino die Macht, den Einzelnen in seiner Existenz, in seiner Geschöpflichkeit – also in seiner Beziehung zu Gott und zur Welt – anzusprechen. Hier wird es explizit theologisch. Dass er sich als Geschöpf Gottes selbst versteht, ist natürlich nicht Aufgabe des Films, sondern das ist ganz Gott anheimgestellt, um es traditionell zu sagen.
JB: Das können wir dann also aus der Warte der Theologie über den Film lernen. Was kann denn die Theologie am Film lernen, was sie nicht aus sich mitbringt, sondern eben aus dem Film gewinnt?
AH: Das Kino als ein Ort potenzieller Selbstwahrnehmung des Einzelnen als Geschöpf Gottes, als Sünder oder als Gerechtfertigter, muss als ein Ort verstanden werden, wo theologische Diskurse initiiert werden. Theologie muss in direktem Austausch mit dem Kinopublikum Möglichkeiten des existenzialen Selbstverständnisses erkunden und kann so zu einer Sichtbarmachung der Theologie in Gegenwart und Gesellschaft beitragen.
JB: Eine Frage zum Abschluss noch. Wir schreiben hier ja für kunst-religion.de. Was ist dein Verständnis des Kunstwortes Kunstreligion? Und was bedeutet Kunstreligion für deine Arbeit?
AH: Nachdem ich den Religionsbegriff in der Forschung grundlegend kritisiert habe, ist es natürlich schwierig, diesen nun wieder stark zu machen. Mit Blick auf den Kunstbegriff jedoch würde ich eine besondere Nähe zu meiner Arbeit vermuten. Gerade weil ich die Kunstform des Films nicht als Konsumgegenstand begreife, sondern sie an seinen idealen Darbietungsort des Kinosaals gebunden sehe, betone ich dadurch auch die Eigenständigkeit dieser Kunstform. Wie bereits herausgearbeitet, muss der einzelne Film stets am Ort seiner Darbietung beschrieben werden und gewinnt nur dadurch an existenzialtheologischer Bedeutung für den Einzelnen.
JB: Vielen Dank für das Interview.
Im folgenden Aufsatz wird die existentialtheologische Filminterpretation am Beispiel des 1995 erschienenen Films „Dead Man Walking“ durchgeführt.







