
Dorothee Bielfeld, Fügung 2026. Foto: Thomas Ott http://www.o2t.de/
Fügung heißt das Ensemble aus vier Elementen, das Dorothee Bielfeld 2026 für die renovierte Evangelische Stadtkirche in Köln-Chorweiler schuf. Aus einer Grundform, dem Quader, lassen sich die Prinzipalstücke, Altar, Ambo und Taufe immer wieder neu und immer wieder anders zusammenfügen.
Ebenfalls in Köln, in der Altstadt liegt die katholische Kunststation Sankt Peter. Mitunter sind es Kleinigkeiten, die einem großen Kopf den Kragen kosten. im Jahr 2000 hatte der baskische Bildhauer Eduardo Chillida der Gemeinde der Kunststation Sankt Peter in Köln die Skulptur Guruz Aldare geschenkt aus drei kreuzförmigen Elementen, die aus einer Grundform, einem Quader, herausgesägt wurden. Friedhelm Mennekes, der damalige Leiter der Kirche Sankt Peter, nahm die großzügige Gabe dankend an und stellte die Skupltur als Altar der Kirche in den Chor. Vermutlich ahnte er nicht, welches Unheil er damit heraufbeschwören würde. Immerhin steht ein Modell des Guruz Aldare in der Sammlung zeitgnössischer Kunst des Vatikan (die Sammlung gibt es tatsächlich). Doch die päpstliche Liturgiekommission schritt trotzdem ein. Denn nach kirchlichem Recht ist vorgeschrieben, dass ein Altar „mit dem Boden verbunden ist und deshalb nicht wegbewegt werden kann“ (CiC 1235).

Eduardo Chillida, „Gurutz Aldare“ (Kreuz-Altar) 1969/2000 Foto: (c) Kunststation St. Peter in Köln
In aller wünschenswerten Klarheit wird dieses Prinzip, dass ein Altar eine ganze Kirche erden soll, vom Bildhauer Holger Walter in Langenseifen durchgeführt. Dort hat Holger Walter auf einem freien Feld eine 6 Tonnen schwere und 4 Meter hohe Basaltsäule errichtet, eine Skulptur, deren Spitze abgeplattet ist. Um diese Skulptur wurde später eine kleine Kirche gebaut. Erst der Bau der Kirche machte aus der Skulptur eine Altar und aus der abgeplatteten Spitze eine Mensa, einen Altartisch. In Langenseifen kam nicht der Altar nachträglich in die Kirche, sondern umgekehrt, die Kirche kam nachträglich zum Altar.
- Holger Walter, Altar, 2005
- Holger Walter, Altar 2005
- Holger Walter, Altar 2005, Kapelle 2010
Was Eduardo Chillida und seiner Skulptur am Ende den Kragen kostete, war jedoch ein zweites Kriterium. So muss nach kanonischem Recht „die Tischplatte eines feststehenden Altars steinern sein, und zwar aus einem einzigen Naturstein“ (CiC1236). Aus einem einzigen Naturstein muss ein Altar nach katholischem Kirchenrecht vermutlich deshalb sein, weil er den Fels symbolisieren soll, Petrus, auf dem die Kirche gebaut ist.
In der Kunststation Sankt Peter in Köln wird diese symbolische Aufgabe des Altars noch unterstrichen durch das Bild von Petrus, das Peter Paul Rubens (1577-1640), der seine Jugend im Sprengel von Sankt Peter verbrachte, kurz vor seinem Tod gemalt hat. Es ist das kunsthistorische Hightlight der Kirche und zeigt Petrus in äußerster Not, nicht wie Christus aufrecht, sondern mit dem Kopf nach unten am Kreuz hängend. Bei aller Gemeinsamkeit im Leiden sollte der Unterschied zwischen dem Herrn und seinem treuen Knecht nicht verwischt werden. Eduardo Chillias Altar ist nun offensichtlich nicht aus einem einzigen Naturstein gemacht, sondern er ist in drei Teile zerrissen, in drei kreuzartige Elemente. Denkt man sich noch das Bild des ohnmächtig nach unten am Kreuze hängenden Petrus dazu, dann wird in der Tat die Frage unausweichlich, was denn da noch das feste Fundament der Kirche sein soll? Bei Rubens kann es nur der unverwandte Blick sein, mit dem der gekreuzigte Petrus in den Himmel blickt und bei Chillida kann das Fundament nur der Riss sein, der seit Golgatha durch die Welt geht. Die Gebrochenheit seines Altars, das Ganze als Fragment, das wäre sein brüchiges Fundament für die Kirche Sankt Peter gewesen. Das aber war der päpstlichen Kommission dann doch des Guten zu viel. Nun steht der Altar, Guruz Aldare, von Eduardo Chillida in der Kunststation Sankt Peter in Köln an der Seitenlinie. Ein stummer Zeuge einer vertanen Chance.
Mühelos lässt sich erahnen, was die päpstliche Kommission zu Dorothee Bielfelds Altar „Fügung“ gesagt hätte, den sie 2026 für die umgebaute Ev. Stadtkirche in Köln-Chorweiler realisierte. Die mobilen Prinzipalstücke sind weder festgegründet noch aus einem ganzen Stück. Es ist nicht einmal ein Altar, sondern ein Ensemble aus vier Elementen vor einem raumbestimmenden Kreuz aus Messing, das ebenfalls von der Künstlerin entworfen wurde. Wie die Skulptur von Chillida ist auch Bielfelds Altar aus einer Grundform, dem Quader, entwickelt.
Aber die Elemente aus lasiertem Holz lassen sich relativ leicht bewegen. Taufe, Abendmahl, Gottesdienst, jedes liturgische Format bekommt seine eigene Konfiguration. Und jede Konfiguration lässt sich unendlich variieren. Sind es ein Dutzend Kinder, die getauft werden, sieht die Inszenierung der liturgischen Prinzipalien anders aus, als wenn nur eine Familie ihr Kind zur Taufe bringt.
Kirchen müssen sich zu Laboratorien verwandeln, so hat es der katholische Theologe Alex Stock gefordert, inspiriert von Joseph Beuys. Sie müssen zu Experimentalbühnen, zu geistigen Forschungsstätten werden, die in der modernen Lebenswirklichkeit die Spuren der christlichen Religion aufspüren. In den Kirchen sollte die Kunst eingeübt werden die Stoffe der Traditionen aus ihrem historischen Gefüge herauszulösen und neu zusammenzustellen. Die Stoffe der Tradition im Horizont der Fragen, die sich heute stellen, neu konfigurieren und sie neu zum Leuchten zu bringen, das ist mit Dorothee Bielfelds Altarensemble nicht nur möglich. Ihr Altar fordert geradezu auf mit ihm zu spielen, zu experimentieren, auszuprobieren.

Dorothee Bielfeld, Fügung 2026. Foto: Thomas Ott http://www.o2t.de/
Endlich hat eine Künstlerin eine liturgische Form gefunden, die aus einer Kirche das Laboratorium macht, das Alex Stock gefordert hatte. Wollte man das Fundament bestimmen, das in dem Fall, von Dorothee Bielfelds Fügung die evangelische Kirche in Chorweiler trägt, dann ist es kein Stein, auch keine Person wie Petrus, auch keine Blickrichung, sondern eine schöpferische Handlungsweise: Neues entdecken, indem man miteinander spielt. Deshalb geht Dorothee Bielfelds Ensemble aus vier einzelnen Körpern über Eduardo Chillidas Altar einen Schritt hinaus. Das Ganze ist nur im Fragment. Das verbindet die beiden Künstler. Aber während das einzelne Fragment bei Chillida fest in der Erde verankert ist, wird es bei Dorothee Bielfeld beweglich. Die Teile erschließen uns nur noch da das große und umfassenden Ganze, wo wir sie aus allen Verankerungen herauslösen, sie an sich selbst betrachten, ein kleinstmögliches Bauteil, und erst dann aufspüren, wo sie sich neu zusammenfügen. In einem solchen selbstvergessenen Spiel mit den kleinstmöglichen Bauteilen, einer Art von minimal theology, wie Günter Bader sie verfolgt, wirkt heute der schöpferische Geist, der uns mit Christus verbindet. In Köln ist dieses Spiel nun in der Ev. Stadtkirche in Chorweiler möglich, und das auch noch in einer ästhetisch überzeugenden Form.
Immer noch empfehlenswert ist Alex Stock, Keine Kunst. Aspekte der Bildtheologie, Paderborn 1996. Neu zu entdecken ist Günter Bader, Minimal Theology. Überlegungen zur kleinstmöglichen Theologie. Bonner Abschiedsvorlesung, Rheinbach 2008.







